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Evangelische Clarenbach-Kirchengemeinde
Köln-Braunsfeld

Anfang der fünfziger Jahre war das Überqueren der Aachener Straße in Höhe des neugebauten Clarenbachhauses noch ohne Ampeln möglich.

 

Von Napoleon bis 1950

Der erste offiziell genehmigte, protestantische Gottesdienst in Köln fand am 23. Mai 1802 statt. Erst seit diesem Tag war Protestanten die öffentliche Religionsausübung gestattet. Zwar gab es im Kölner Stadtgebiet bereits im 16. Jahrhundert Anhänger der evangelischen Lehre, doch dauerte es 3 Jahrhunderte bis die Protestanten politisch-rechtlich gleichgestellt wurden.

Erst mit den Maßnahmen der Franzosen war die lange Zeit der Diskriminierung für die Kölner Protestanten zu Ende. Die wirtschaftlichen Beschränkungen für Protestanten wurden endgültig aufgehoben und die bürgerliche Gleichstellung postuliert, schließlich auch die öffentliche Religionsausübung ermöglicht. Im Rahmen der napoleonischen Zentralisierungsbestrebungen musste dabei allerdings noch eine Kontrolle von Kirche und Religion durch den Staat in Kauf genommen werden. Die Bedingungen für ein zahlenmäßiges Anwachsen der protestantischen Minderheit waren jedoch gegeben. Auch das Eindringen in bisher versperrte wirtschaftliche und politische Bereiche war möglich.

Starkes Wachstum

Dieser Umbruch stellte die Weichen für die weitere Entwicklung: den Zuwachs der protestantischen Bevölkerung den Aus- und Aufbau des protestantischen Einflusses auf Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik in Köln. Eine weitere Akzentuierung und Intensivierung protestantischen Selbstverständnisses vollzog sich durch die Eingliederung Kölns und der Rheinlande in den protestantisch geprägten preußischen Staat 1815. Für Köln und seine Bevölkerung bedeutete dies eine grundlegende Veränderung. Lebten schon 1808 ca. 1.000 Protestanten in Köln, so waren es 1912 über 1.700. Im Jahr 1815 umfasste die Zahl der Gemeindemitglieder ca. 3.800 und 1840 stieg sie auf 5.000 Personen.

Ein System von evangelischen Institutionen und Organisationen bildete sich heraus. Schon 1802 wurde eine evangelische Elementarschule gegründet. Und allmählich entwickelte sich ein evangelisches Schulwesen, das gegenüber der Stadt über weitgehende Selbständigkeit verfügte, evangelische Vereine entstanden, und eine Reihe karitativer Einrichtungen wurden gegründet.

Gemeinde Köln

Vor allem aber entstand Anfang des 19. Jahrhunderts die erste evangelische Gemeinde Kölns. Das Gemeindegebiet umfasste zunächst ausschließlich den Bereich innerhalb der Stadtgrenzen. Nachdem sich jedoch gegen Mitte des Jahrhunderts in den kleineren Ortschaften im Umkreis Kölns mehr und mehr Evangelische ansiedelten, wurde die Gemeinde Köln mit der Betreuung dieser Bürgermeistereien beauftragt. So kam es, dass 1842 auch Müngersdorf von der inzwischen immer größer werdenden Gemeinde mitbetreut wurde. Seinerzeit wohnten jedoch nur vier Evangelische in dem Gebiet, das heute zu unserer Clarenbach-Kirchengemeinde zählt.

Wegen des schnellen Wachstums der Gemeinde Köln entwickelte sich diese immer mehr zu einer "Riesengemeinde".1850 zählte sie 8.159 Mitglieder, 1870 14.631 und 1880 sogar schon 18.766 Personen.

Um allen Evangelischen den Gottesdienstbesuch zu ermöglichen, wurden weitere Kirchen gebaut. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist vor allem die 1860 als erste evangelische Kirche gebaute und eingeweihte Trinitatiskirche. Noch heute dient sie, wenn auch nicht mehr dem ursprünglichen Gedanken folgend, als Gottesdienststätte.

 

Pfarrer Oesinghaus (links) vor der alten Clarenbachkapelle in der heutigen Lindenthaler Clarenbachstraße mit dem Kindergottesdienst im Jahr 1929.

 

"Riesengemeinde"

In den sechziger und siebziger Jahren verstärkte sich das Problem der ausreichenden Seelsorge bei ständig wachsender Gemeinde beträchtlich. Aufgrund dieser Sachlage sah man sich in der Gemeinde Köln zum Handeln gezwungen. Eine Betreuung in den damaligen Vororten Kölns konnte auf Dauer nicht mehr geleistet werden. Hinzu kam, dass sich die evangelischen Einwohner des Landbezirks und der Vororte als "Gäste" in der Muttergemeinde nicht recht beheimatet wussten. Ihnen wurde weder das Stimmrecht in der Gemeinde noch die Vertretung in den Gemeindeorganen zugestanden. Unmut machte sich breit, Selbständigkeit wurde angestrebt.

Fünf Gemeinden um die Jahrhundertwende

Das führte bis zur Jahrhundertwende zu vier weiteren selbständigen evangelischen Pfarrgemeinden. In den sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelnden Wohn- und Industriebezirken erhielt als erstes 1878 die Gemeinde Ehrenfeld die Selbstständigkeit. 1881 entstand die Gemeinde Nippes, 1898 folgte Lindenthal und 1899 machte sich Bayenthal selbständig. Im linksrheinischen Köln hatte sich das protestantische Leben innerhalb von einem Jahrhundert kräftig entwickelt. Rund 70.000, das sind ungefähr 17 Prozent der Gesamtbevölkerung, waren evangelisch. Sie hatten diese durch die Franzosen offiziell erst mögliche Religionsausübung angenommen, waren aus dem Schattendasein getreten. Für die Clarenbach-Kirchengemeinde von besonderer Bedeutung sind zwei Gemeinden, die sich von der "Muttergemeinde" Köln gelöst hatten: Ehrenfeld und Lindenthal.

 

Die Glocke im Vorraum unserer Kirche ist der letzte noch erhaltene Bestandteil der alten Clarenbachkapelle, die im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört wurde.

 

Ehrenfeld und Müngersdorf

Zu den Aufgaben der Ehrenfelder Gemeinde gehörte die Betreuung der Bürgermeisterei Müngersdorf, die natürlich auch die Ortschaft als solche umfasste. Des weiteren gehörten die Ortschaften Ehrenfeld sowie Bickendorf, Ossendorf, Bocklemünd, Mengenich, Melaten und Linderhöhe dazu. Im Jahr 1895 wurden Melaten und Linderhöhe an den Pfarrbezirk Lindenthal abgegeben. Die damals konfessionelle Struktur von Müngersdorf lässt zu jener Zeit die Quellen über ein evangelisches Gemeindeleben in diesem Bezirk spärlich fließen. Aus den schon erwähnten vier Evangelischen im Jahre 1842 waren jedoch bis zur Jahrhundertwende immer mehr geworden.

Schließlich führte die weitere Zunahme des evangelischen Bevölkerungsanteiles dazu, dass in Müngersdorf im Jahre 1934 ein monatlich stattfindender Gottesdienst und ein Kindergottesdienst eingeführt wurden. Diese Gottesdienste fanden in der katholischen Volksschule in der Wendelinstraße statt.

Lindenthal und Braunsfeld

Kann das zum Stadtteil Müngersdorf Erwähnte vorläufig als abgeschlossen gelten, so ist für Braunsfeld noch einiges nachzutragen. Die Gemeinde Lindenthal betreute seit ihrer Gründung die Bürgermeisterei Efferen, zu der unter anderem Braunsfeld gehörte. Im Bereich Lindenthal siedelte sich der erste Evangelische erst 1858 an. 1880 lebten hier schon 500 und um 1900 gar 2.200. Bis 1920 gehörten schließlich 18.000 Evangelische zu der erst 22 Jahre zuvor gegründeten Gemeinde. Demnach hatte sich Lindenthal bis 1920 zur größten linksrheinischen Vorortgemeinde entwickelt. Das hatte auch Auswirkungen auf den Stadtteil Braunsfeld. Bedingt durch den ständigen Anstieg der evangelischen Bevölkerung, richtete die Gemeinde Lindenthal hier schon 1907 regelmäßige Bibelstunden ein.

Parallel zum Wachsen der Gemeinde stieg die Zahl der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und auch die Zahl der Pfarrer. 1910 kam der zweite Pfarrer nach Lindenthal, 1917 der dritte und 1929 wurde schließlich sogar eine vierte Pfarrstelle errichtet. Hiermit verbindet sich zum ersten Mal der Name des Pfarrers, der für den Bezirk Melaten und Braunsfeld von besonderer Bedeutung ist: Pfarrer Karl Oesinghaus.

Pfarrer Oesinghaus

Schon während des "Dritten Reiches“ war er in der Gemeinde Lindenthal für jenen Bezirk tätig, der später die Grundlage für die Clarenbach-Kirchengemeinde werden sollte. Zeitweise musste er während des Zweiten Weltkrieges allein als Zurückgebliebener die gesamte pfarramtliche Arbeit in der Lindenthaler Gemeinde verrichten. Das tat er vorwiegend in der Clarenbachkapelle, die in der heutigen Lindenthaler Clarenbachstraße stand und die dann dem Bombenkrieg zum Opfer fiel. Nach dem Krieg kam es nicht mehr zum Wiederaufbau der Kapelle. Sie hätte auch den Anforderungen nicht mehr genügt, da sich durch den Zuzug von Vertriebenen und Flüchtlingen der Anteil der Evangelischen vervielfacht hatte. Stattdessen wurde wenige Kilometer weiter stadtauswärts unsere heutige Clarenbachkirche errichtet. Doch das führt schon zur Gründungszeit der Gemeinde.

Kehren wir noch einmal zurück in jene Zeit des Krieges, dessen Folgen und Auswirkungen letztlich zur Gründung der selbständigen Evangelischen Clarenbach-Kirchengemeinde Köln-Braunsfeld beitrugen. Pfarrer Oesinghaus versuchte ab Mai 1945 die durch die Ereignisse verunsicherten Gemeindeglieder in ihren Wohnungen zu Gottesdiensten zu versammeln. Alle Arbeit lastete zwei Jahre lang auf seinen Schultern. Zum Schluss fühlte er sich den Belastungen nicht mehr gewachsen. Er meinte, mit ihnen nicht mehr weiterleben zu können und beendete 1947 sein Leben.

 

Fast 30 Jahre war er für den „Clarenbachbezirk“ der Kirchengemeinde Lindenthal zuständig: Pfarrer Karl Oesinghaus.

 

Selbständigkeit unter Pfarrer Püschel

Am 19. September 1948 wurde dann Pfarrer Heinrich Püschel in Köln-Lindenthal als Pfarrer für den von Pfarrer Oesinghaus betrauten Clarenbachbezirk in sein Amt eingeführt. Unter Pfarrer Püschel beginnt ein neues Kapitel: Aus Teilen der Gemeinde Ehrenfeld und aus dem Clarenbachbezirk der Gemeinde Lindenthal entsteht am 1. April 1950 die selbständige Evangelische Clarenbach-Kirchengemeinde. Im 1. Gemeindebrief aus dem Jahre 1951 schreibt Püschel Zeilen, die schon auf eine frühere Verselbständigung unserer Gemeinde unter Pfarrer Oesinghaus schließen lassen. Sie beenden zugleich den kurzen Rückblick auf die Vorgeschichte.
"Am 16. Dezember 1947 hat die Clarenbachgemeinde den Pfarrer verloren, den sie sehr geliebt hat. Pfarrer Oesinghaus ist mehr als nur ein Bezirkspfarrer der größeren Gemeinde Lindenthal gewesen. Er hat ein gutes Teil seiner Arbeitskraft daran gesetzt, dass einmal eine selbständige Clarenbachgemeinde entstehen sollte.“

Uwe Zimmermann
Jubiläumsschrift der Clarenbachgemeinde, Köln 2000

Aus folgenden Werken wurden u.a. Anregungen und Zahlenmaterial entnommen:

Barbara Becker-Jákli: „Fürchtet Gott, ehret den König“
Evangelisches Leben im linksrheinischen Köln 1850-1918
Rheinland Verlag GmbH Köln 1988

100 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Köln-Lindenthal 1888-1998
Festschrift hrsg. vom Presbyterium Köln-Lindenthal 1998

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